So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man wurde sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe, teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte, in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß sie in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war, sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.

Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie, wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte. Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam und sie wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt hätten, er wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge. Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben, wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte? oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu sein!«

Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen, allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben, daß ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten, und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen, aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es nicht getan haben.

Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt wurde, der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte, etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres wisse und nichts andres sich begeben habe.

Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie sie den jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte, versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit höchst würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer noch umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.

Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm nicht zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen so wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den Teufel gezaubert.

Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen, ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war, einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten, lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl richtig auffaßten, aber als eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen ließen.

Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung über diese Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden, während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.