Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. „Nun verkündige ich euch denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut“, sagte er zu den Griechen. Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren, und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die Idee des einen, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.

Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen. Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich selbst als Gott zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist, und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv im Widerspruch zu Christus.

Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten. Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla, Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren, außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den Sternen und über den Sternen; daß „der geheimnisvolle Weg nach innen führt“, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen, daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist. Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem Erdenkloß erschaffen sei.

Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, möchte ich dir meinen Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint, bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte, Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw. vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person, vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee. Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.

Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: nobis res sociae verbis et verba rebus, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen. Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz, nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten, es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz. Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben in sich hat. Wie erschütternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es Person werden und als solche sterben muß.

Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an. Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist. Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge, seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters gesagt, ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet. Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. „Ein guter Maler“, sagt Dürer, „ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugießen.“ Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu seinem Werk.

Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier hindurch.

Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf, woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst wäre das Geschenk ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen. Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.

Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ, „denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch, untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.“

An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.