„Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach,

Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm verrenkt.

Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.

Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.“

Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses, nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein. „Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.“

Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre. Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske, die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.

Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen, daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie, sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen.