Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da, damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren, würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, so daß durch die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre. Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das, was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden. Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.
Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt die göttliche Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher Kruste oder den „Erlenmädchen hinten hohl“ des Andersenschen Märchens. Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.
So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet, unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft.
Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier, sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden, wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.
Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war, Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen, das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?
Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick.
In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk, in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der Dekadenz κατ ὲξοχην, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist; nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben, in andern Völkern aufzugehen.
Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu reden. „Denn das sollt ihr wissen“, sagt Luther, „Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet.“
Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein, jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.