In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es gibt dann allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen.

Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein vom Gotte ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein „im süßen Wahnsinn rollendes Auge“ verhüllen, so erhalten wir nicht den Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.

Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.

Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern. Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten. Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange; aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide Völker, wenn dies Band zerrisse.

[VIII]

Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst, damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.

Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.

Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor, damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft; die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst, welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Der Vater gibt das Fürsichsein, die Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.