Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater aller Menschen. „Denn wer da bekennt“, heißt es bei Luther, „daß eine Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß keine Frau eines Kindes Mutter wäre.“ Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? „Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten“, sagt Luther an anderer Stelle ironisch, „auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas, hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein behandeln!“ Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir anführen: „Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen. Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.“
Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt. Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie ihm keine dauernde Kraftquelle sein.
Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte; Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte, hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.
Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.
„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“, sagt Goethe. Diejenigen Söhne, deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern – und das sind jetzt alle – Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit, ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem Schutze Gottes.
Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria, der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden, Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von Goethe:
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich, weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren aufzugehen, ist in der Hölle.
Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle, liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter, mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus, unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind, zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer. In bezug darauf schreibt Luther: „Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden, daß Gott Mensch sei.“ Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.
So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.