In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder, und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen; aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.
Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen, es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich gemußtes und gewolltes Handeln.
Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen, sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.
Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann. Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet sich doch jeder in ihm wieder.
Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.
Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken. Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden, weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß. Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher, weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden. Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet. Die Erscheinung strömt in das Sein über.