Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. „Wenn der Tröster kommt, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.“ Es ist der Heilige Geist, der zu Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.
Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben, gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die Religion, welches Wort von ligare, binden, kommt; da Gott nicht mehr unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das selbstbewußte Ich.
„Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort“, sagt Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein, da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott außer sich zu suchen.
Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: res sociae verbis et verba rebus, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt: „Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.“ Im Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.
Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt hat: „Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.“ Dagegen steht Luthers Ausspruch: „Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist, denn Reden.“ Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet, daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das eigentliche Genie, das Genie κατ ὲξοχην, weil er die vorangegangenen Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat. Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw., und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.
Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte; das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.
Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber; du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten, daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus, die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem Göttlichen, zeigt.
Verbum Dei manet in aeternum, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er, daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse. Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.
Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: „Und wenn auch solche reiche gute Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.“ Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse „frei aus dem Herzen gehn ohne alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen, darnach das Herz brennt“. In den Psalmen heißt es: Audiam quid loquatur in me Deus; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere Vorschrift für einen Dichter.
Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: „Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort.“ Aus dem Herzen strömt Geist, und in dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.