Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen. Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. „Er schafft ja nicht als durch sein Wort“, sagt Luther, und Paulus: „Gott ruft oder nennt das da nicht ist, daß es sei.“ Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden, daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde Licht! die Welt da war.

Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. Abundantia cordis os loquitur, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen kann: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten.“

Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde, sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.

Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck, die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen Fremdling widersetzen.

Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie „aus ihrem Eigenen“ reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, „die nicht können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet – o furor et amentia his saeculis digna!“

Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen, habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.

Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe. Spirat ubi vult, der Geist weht, wo er will. Die Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man nicht eins machen: „Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: ‚Wie der Himmel von der Erde erhöht ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.‘“

Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen Menschen- und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken, womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: „Wenn die Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und urteilen die Heilige Schrift … Also dient die Vernunft dem Glauben auch, daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.“ Die Wahrheit bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll. Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang. Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können, sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. „Gott gibt niemandem seine Gnade oder seinen Geist“, sagt er, „ohne durch oder mit dem vorgehenden äußerlichen Wort.“ Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen Selbstdenken zugänglich.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen. Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen. Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen Begriffsvermögen anpassen. „Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.“ Wir würden etwa sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser Zutun gibt.

Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen, sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft und den eigenen Wert. „Der Teufel“, sagte Luther, „achtet meinen Geist nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.“