Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die Offenbarung vernimmt.
Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen, die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden; aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort hineinfallen.
Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht. Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.
[X]
Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein; doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen – denn ich kenne längst nicht alle – Lutherbiographien gönnerhafte Klagen darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen, gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht, und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten, würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse. Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist, und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: „Ein wissenschaftlicher Streit war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der Vernunft und den Segen der Logik.“ Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt, wenn es im eigenen Ich gewußt wird.
Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur, was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig machen konnte?
Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann, göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.
„Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was sie machen, wenn sie Glauben daran haben!“ Nicht glauben tat Luther, daß Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm „lauter Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber“. Es möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im Bette lägen. „Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen, närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.“
Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf Stoffliches. „Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte; tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen, daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.“
Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen; es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige Erscheinen Christi weissagten.