Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann; der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt, was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.

Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht, Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer, unterscheiden.

Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich, daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient. Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche, mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich, zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an Melanchthon: „Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?“ Wie sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!

Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame, tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt. Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz, weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.

Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt, sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte, sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker und Zeiten sind unproduktiv.

Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie, Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht. Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden, daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen. Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.

Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich, es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt, hat er alles verloren.

Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen. Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft; sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur „des Ahnherrn große Züge“, nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und gewahr würde, daß er „innen hohl“ und unendlich viel schwächer ist als jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.

Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der Selbstanbetung und Absonderung.