Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten; ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des Todes geweiht ist.
Luther sagte einmal: „Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch danken kann.“ Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch gehört.
[XI]
Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.
Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.
Den Geist beschreibt Luther als den „höchsten, tiefsten, edelsten Teil des Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort innewohnt“. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem Körper.
Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts hervortreten.
Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.
Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht, und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß er an Wallenstein die „allzeit wachen Gedanken“, das emsige, unruhige Gemüt als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden kann.
Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.