Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.

Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die „Heimlichkeit des Herzens“ zu erforschen; denn über das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. „Die Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden, wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.“ Auch vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus, daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. „Es sind Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.“

Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die Psalmen das wahre γνῶϑι σαυτον.

Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt, geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen; aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann „vor der Welt“ nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.

Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl auf diese hoffen.

[XII]

Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet; indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach dem Kopfe hin. „Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die großen Geister selten von großem Körper.“

Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt. Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen bildlichen Ausdruck. „Die Liebe Gottes“, heißt es in den Römerbriefen, „ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch welche die Wahrheit hindurchstrahlte. „Des Heiligen Geistes Amt ist nicht Bücher schreiben noch Gesetze machen“, heißt es bei Luther, „sondern daß er ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.“

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. „Der Kopf faßt kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.“ Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.