Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem Meere, das es speist, ist es passiv.
Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles das punctum saliens und das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind. Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.
Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend, auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die Heimat Gottes.
Das Herz ist der Gott im Menschen: est deus in nobis, agitante calescimus illo. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält, indem es von ihm erhalten wird.
Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber andererseits nicht so genial.
Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:
Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern. Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände überwindet, ohne sie zu töten. „Seid getrost“, spricht der Herr, „ich habe diese Welt überwunden.“ Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der entfremdeten Welt versöhnen können.