Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die zweite, sie über die anderer zu vergessen.
Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.
Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf lateinisch caritas oder dilectio, an die Mutterliebe geknüpft; die Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte, führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es, daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.
In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.
Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.
Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.
Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen, auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche Gehirn zu beziehen.
Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und beschleunigenden. Der nervus vagus und der nervus depressor sind hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name depressor auf die Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.
Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit, nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne“, „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“, besonders aber die Worte Wallensteins: „Recht stets behält das Schicksal; denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.“ Nun siegt nicht mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig zusammen.
Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt, daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe, unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte a priori vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem 50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.