Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.
Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das Leben.
Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände, Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung steigt.
Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.
Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische, christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.
Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.
Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen. Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.
Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör vermittelst der Predigt des Wortes. „Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.“ Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des Meeres. „Ich glaube, darum rede ich“, heißt es in der Bibel. Das Gehör nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten verraten.