Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu vernehmen.

Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte, mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.

Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt.

[XIII]

In den Tischreden sagt Luther: „Menschen sind dreierlei Art. Die ersten sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.“

Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt, das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm γεν bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.

Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so, daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.

Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind. „Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch“, sagte er dann, „denn es sind wenig Christen auf Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn gemeiner Brauch.“ Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte er nun: „Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.“ So kam er zu derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: „Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.“ Unter die „Frevelartikel“, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß jegliche Seele das ewige Leben haben werde.

Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.

Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. „Sie haben ihren Lohn dahin“, sagt Christus, und Luther: „Sie gehen dahin.“ Anders ausgedrückt: Sie stellen eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt, mitgenommen und vertreten wird.