Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art sind. Ihr Selbst- und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn, weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten, um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von „zwischen Sein“, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten. Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen, sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort kommt von ligare, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen, möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist, oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den Sprung in das „schöne Wunderland“ nicht: Genies sind selten. Es gibt ja kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich am Tische der Welt Gast sein. „Der Christenmensch“, sagt Luther, „ist ein allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle Sünde.“ Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör?

Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments vielfach ausführen. „Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.“ Dieser ewige Himmel ist in unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches Verwandeln, bei dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß. Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht in der Gewalt hat.

Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und niedrig sind. „Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?… Denen aber, die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.“ Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte. Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen, sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben; ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte, die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid und Verachtung ausrief: Lengua d'un can!

Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal: Orandum est ut sit mens sana in corpore sano den des heiligen Augustinus gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse Begierde.

Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen, in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus natürlich nicht folgt, daß jeder große Schädel und jedes große Gehirn Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab, so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf natürlicher Harmonie.

Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.

Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein lebendiges Ganzes werden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz, das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen hängt seine Entscheidung ab.

Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt, daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten Lebens zeigen. „Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.“ Eines der schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernähren, schließt mit den Worten: „Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?“

Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt.

Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er hat „sein volles Herz gewahrt“, geschont, und es ist dieser Umstand, der gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit Versagen des Herzens.