Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet:

Weise macht den Erdensohn
Gottes Führung und Gebot:
Leiden soll dir Lehre sein.
Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual
Alter Schuld
Ihm aufs Herz:
Ungewollt
Kommt die Weisheit über ihn.
Strenge Wege geht mit uns die Gnade,
Die am Weltensteuer sitzt.

Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in Christus den unbekannten Gott erkannte.

Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind, sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes zurückwagen, zertreten. Gott ist consumens et abbrevians, aufzehrend und abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt, erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das einfache Leben, das im Wirken besteht.

Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn rollt. Auffallend finde ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. „Das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben“; diese überschwengliche Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr „die Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich machen; die nichts innehaben und doch alles haben“. Die „ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit“ gehört denen, „die nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“, nämlich auf den Geist. „Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe“, das verschafft wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.

Wenn man nicht das Wort „geistlich“ beibehalten hätte, das Luther für geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit, Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des „Geistlichen“ gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther „geistlich“ sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir bei dem Worte „geistig“ denken und empfinden. Diejenigen, die den geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen, verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann.

Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können.

Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.

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