Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. „Wird Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und gibt den Geist dem, der es ißt.“ Für Luther, der wußte, daß Gott lauter Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.

Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach die beiden Naturen – nämlich die göttliche und menschliche in Christus – nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit.

Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem Kalender:

Immer wieder, wenn wir sinnen,
Stürzt die Welt in wilde Stücke,
Immer wieder, still von innen,
Fügen wir die schöne Brücke.

Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche, wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen; Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so faßte auch Luther ihn auf; „aber doch so gar verdüstert und traurig danach geworden“. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: „Herr, nun heb den Wagen selbst“, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat, ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt, daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein, in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen schweizerischen Künstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um, wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.

Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären; aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend, nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein Wesentliches stritten.

Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist; allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das Bedürfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte, wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich schwer zu ertragen gewesen sein.

Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich und die Welt noch einmal ganz machen wollte!

[XV]

„In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein die heilige göttliche Dreifaltigkeit.“ Jedes Kunstwerk muß wie jeder lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist, und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei, daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt. Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat, Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo; allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen.