Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont, daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit.

Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler, die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden. Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie eigentlich überflüssig.

Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an. Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie umgekehrt manche Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem, was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes. Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben, das ist eben das Geheimnis des Genies.

„Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller Wirkung der Rhythmus.“ Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz: lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen Menschen.

Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller „Die Teilung der Erde“ und den Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: „Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch von Anfang bereitet sind.“ Wie matt, von der Blässe des Gedankens angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.

Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist, nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein weiter als Gedanke.

Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.

Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist. Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die Penetratio corporum, die Durchdringung des Verweslichen und Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden. Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein, ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides, Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte, kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und Beseelung.