Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist. Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane, seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten gestalten und beseelen können.
Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz empfänglich sind.
Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers aus der Bibel. „Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein Heil.“ Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.
„Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein menschlich und teuflisch Ding“, heißt es in den Tischreden, „darum ist es stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.“
„Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach. Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt von Anfang gewesen.“
Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke Luthers ruft: dies ist der Luther.
[XVI]
Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das Wesen des Wahnsinns.
„Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da … Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns ansehen als ein gewaltsames ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ irgendeiner Sache, welches jedoch nur möglich ist mittelst des ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ das erste und das ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ das zweite ist.“ Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn; das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen Entgiftung nicht gewachsen.
Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die einem Brief an Link entnommen ist: „Über die Wahnsinnigen ist meine Meinung die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist, sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß, weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich ‚von Satanas gebunden‘. Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden verdanken … Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.“ Diese und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften diabolus ex machina geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher, den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten, elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst gegenüberstehen muß.