Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher, daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen, willkürlichen Kräfte lähmend.
Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam, die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn zurückgekehrt sei.
Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf, schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört, Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht nur die göttliche Kraft, sondern auch „der Widersprecher“, wie Luther es ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden, daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom Geiste aus.
In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein; vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. „Ich war mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele aus der untersten Hölle gehoben.“ Einige Zeit später: „Satan selbst wütet gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur schwer heilen werden.“ Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe ihn zur Tiefe. „Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete und kämpft wenigstens tapfer.“ Diese Schilderungen malen anschaulich, wie das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich ein Körperliches ist.
„Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde“, schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor Kaiser und Reich erinnerte.
Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht mehr, die einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich, daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf beiden Seiten gleich sein würde.
Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.
Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden. Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte. Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte, überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. „Darum wollte ich Ew. Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen“, so schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, „die sich göttlich und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können … So hat auch Gott geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer haben … Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen … Denn ich denke fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten, als wäre es Sünde … Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum uns seine Güter, sie zu gebrauchen.“
Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe zeigen: „Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst, weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt: Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom Teufel gesandten Gedanken zu verachten … Fliehe durchaus die Einsamkeit, denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit. Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden. Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind. Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das Gegenteil von dem, was der Teufel will … Könnte ich nur eine ordentliche Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten: Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich weiß, daß einer für mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.“
Das heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will. Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches werden, sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen, und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich selbst befreit und entlastet wird.