Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst befindlichen Feind gegenüber weiß.
Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis, daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen hätte. „Sei der du bist!“ pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen Übermaß der Krankheit Ursache ist.
Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.
Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird, das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit, und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.
Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen. Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.
Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben. Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren ist. Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen der Wiedergeburt ist.
Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe.
Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, das ist Geist oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer, Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät, verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser, Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. „Laßt dicke Menschen um mich sein und die gut schlafen“; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die Kraft den Stoff.
Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur richtigen Wirksamkeit bringt, so daß er unseren ganzen Körper vergeistigt. Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes insbesondere.