Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß Christus ein Jude war, und du verargst es Gott ein wenig, daß er gerade die Juden auserwählte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl, was er tat, was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: die Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die stärksten Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten in sich das Göttliche und das Teuflische, die höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben. Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste Uneigennützigkeit gegenüber, glühender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegensätze wurden zusammengefaßt durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung und Bindekraft, die die ungeheure Idee des einen Weltgottes erst fassen konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser.
Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein mußte der bewußten Zusammenfassung dieser Gegensätze vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus den Herzen, die sie überwanden, zuerst das Wort von Gott fließen, so stark und rein, daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben, getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche Selbst sagte: Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der Herr, dein Gott. Daß die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß alle Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther nahm es als Tatsache an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er erschienen war? Aus dem Volke der größten Gegensätze sind die Mutter und die Mörder des Erlösers hervorgegangen. Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr und mehr gegen sie erkältet und schließlich erbittert.
Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes übrigbliebe, als an Christus zu glauben und in anderen Völkern aufzugehen. Sie sind in der Lage der Nachkommen eines großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so müssen sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mußte sie betreffen, und sie werden sich ihm nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst fehlt. Sich zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Völker wie der einzelnen.
Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, Christus zu kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und Ungläubigkeit, der Teufel in allen drei Gestalten. Sie wollten einen Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte; sie wollten weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke Persönlichkeiten zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, ohne daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges, Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, mit dem uns nur eine starke positive Kraft versöhnen würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu können glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und Unschuld entbehrt.
Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heißt notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen ihres Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tödlich und heilsam, auflösend und ganzmachend. Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung mit jüdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegensätze hervorrufend oder verschärfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die des Herbstes, der zugleich Früchte bringt und dem Winter annähert.
Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich bei den Deutschen unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie häufig auf jüdisches Blut zurückzuführen. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien, wo er noch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig sein, und sie dürfen nur in kleinsten Dosen gegeben werden. Die Völker werden im allgemeinen wohl den richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen und ertragen können.
Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten müßten Neigung zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern lehnen das Jüdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke mir aber, daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und Individuen fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel, was nicht durch die äußeren Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an die merkwürdige Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige Familien oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jüdisches Blut fließt, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir anzuzeigen, daß das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen können. So betrachtet wäre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und erreichten Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen von allen anderen absondert.
Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte selbst nicht, ob es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei jüdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktes Gemeinwesen jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenz κατ ὲξοχην bekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu höchster Schönheit verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren, jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren muß. Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich überleben, daß Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte zerstört; aber man hat unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Künstler, der den Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schöne, das Vollendete ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und überläßt es sich selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der das eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, um es heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen zu lassen.
Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu erklären, wie ich das meine.
Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und menschlicher Kraft, und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, schaffende, diese die selbstbewußte, willkürliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann man auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten und selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden Völkern unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewußten in der Welt. Sie haben auch ihre Genialität, das ist die Kraft des Organisierens, vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen, in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Völkern abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, so herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewußten Kraft ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk „gekreuzigt und verbrannt“; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte nicht genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein könnte.