Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Römer; ihnen entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und Italiener, andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener und Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie von den weltlichen, politischen Völkern teils gehaßt, teils verachtet wurden; verachtet, solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie doch in der Welt nicht zur Geltung bringen können, und die deshalb in ihnen, den politischen, keine Furcht erregt.
Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen? Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was wäre sie ohne die Kunst, Dichtung, Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; aber da sie sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht dankbar dafür, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die genialen Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; verlassen sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, so geraten sie in die größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Völkern doch nicht gewachsen sind. In der Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie zertreten.
Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern Einigkeit herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso voneinander trennt, wie sie von den politischen Völkern getrennt sind, nämlich der Unterschied von Natur und Geist.
Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch vorzugsweise Künstler, Dichter, Held oder Weiser.
Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden und die dichtenden zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der bildende, der die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mißtrauisch gegenüber. Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst, gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind. Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, daß sie auch Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales Geistesvolk haben sie auch als bildende Künstler immer eine dichterische Phantasie, wodurch ihre Kunst sich wesentlich von der der Griechen und Italiener unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar die griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber für jene bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, was die Blüte, das Natürliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst hat vorzugsweise die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche.
Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes Phänomen in diese Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja selbstverständlich, und das ganz gemeine Sprichwort sagt schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich aber auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen macht ja der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen; aber uns dienen sie doch zur Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt, so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte zugleich tätig; nur pflegt ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich Gott nähert, desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber das ist nicht ihr Wesentliches, und sie werden den genialen Völkern bedeutungsvoller als ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht – ich spreche von den europäischen Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen sind.
Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen mehr gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Völkern aufgegangen.
Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt werden kann, so ist das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, als Christus daraus hervorgegangen war.
Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man Kultur ein Ausgeglichensein der Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven, unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen Oberklasse aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem sie sich offenbart. Diese formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die immer zum Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen unschönes, unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes Volk erscheinen, aus dem sich im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmütig beschränkte, herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig sehr große Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das das Ziel despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu sein pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums, Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit ist das schöne, farbige, verschwenderische Gesetz des göttlichen Lebens, das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den großen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens, die in einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen. Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter Stämme.
Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im Deutschen Reiche noch außerordentlich groß. Luther selbst spricht von den Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei jedermann die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen Ständen fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und Übermut. Er liebte und haßte dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem göttliche Gestalten, Taten und Worte stiegen.