Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam.
Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral rüsten. Diese Rüstung – wer wollte das verkennen – kann sehr blank und ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden, daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme zu werden.
Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie, charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer, General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie; sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden. „Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.
Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen in der Welt abwärts, um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei. Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.
Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist, Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.
Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine Tageslänge; er wächst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.
[XIX]
Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.
Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor, daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten, obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.
Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren, die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther, den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene, klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr, wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott, hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. „Die Stoiker, die Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es geschehe, was da wolle“, verurteilte er; denn es sei im Grunde „eine gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen, daß er Stein oder Holz sein sollte.“