Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch. Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte Element nie losbrechen können.

Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da, was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint, nämlich das System.

Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert, eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten zu lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen Kriege.

Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig, von Gott heißt es spirat ubi vult. Luther sagte einmal, als eine Stadt mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und 17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.

Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.

Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und gefürchtet wird. Die Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige, wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus, nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen, phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir folgendermaßen.

Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft, wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt; ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven, zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt durch die Fülle seiner üppig wachsenden Formen, während wir an England die logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine, Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben, Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren.

Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem Organismus ein Mechanismus würde.

Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung vorzubeugen.