Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes sagt er: „Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind; sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch; sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.“
Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist. Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand.
Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. „Es kann in der Welt nur gut werden durch die Guten“, das ist, glaube ich, ein Wort der Königin Luise. Luther sagte: „Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen, daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze gegeben werden.“ Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein unpersönliches Volk sind.
Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan: der moderne Staat ist das System, das keine Persönlichkeit duldet; denn er ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.
Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.
So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes, im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden, fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum lebendigen Ganzen verschmelzen.
Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden, weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit, wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat. Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war – denn Zeit und Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer – zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche fiel.
Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen, Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich, hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? „Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht!“ läßt Schiller seinen König Philipp flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich lichtbringendes Wort und Chaos sind.
Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch waren.