Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten, vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden, sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt wird.

Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten, wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre aber nicht eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.

Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man beides zugleich sein könne.

Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr, daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten, unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes ums Dasein überhoben wären.

Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen, arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter. Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft ad absurdum; ein verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf Naturalwirtschaft begründet sein.

Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen haben, werden wir wieder fliegen können.

[XXIII]

Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war, erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst erfahren, daß eine gewisse „feurige Pressiertheit“ dem Erfolge im Wege stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann. Wie dem auch sei, man muß Gott „Raum lassen“, man muß überhaupt die selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen, die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird tiefer auflösen, tiefer verwandeln.

Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind. Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: Qui solus habet immortalitatem – Der allein Unsterblichkeit hat.