Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.

Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden.

Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde bist du genommen und sollst wieder Erde werden. „Ach, wenn Adams Fall nicht alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten entworfen und abgemalet hat.“

Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem sie persönlich weiterleben dürfen.

Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze auf: „Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.“

Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: „Denn wenn der Mensch sein [inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die Hölle in sich selbst.“ Dementsprechend über den Himmel: „Alle diese Güter sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in sich den Glauben an Christum … Denn wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor überschwenglicher Gnadenfülle.“

Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut. Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen, die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem, was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus, welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein, wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen, des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme Luther stellte.

Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich, daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich zumeist wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel verba allegorica wären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht, daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero, und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: „Daß er aus dem, daß die lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.“ Gott ist die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. „Ich bin, der sich nicht verändert.“

Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe, ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen, sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist, soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung.