Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat, seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar; trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper, wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus; soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte, desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben, wenn sie sich mit ihm identifizierten. „Es fährt niemand gen Himmel, denn der herabgefahren ist, Jesus Christus.“ Die Idee allein ist ewig, wir können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß. Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste, wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden, denn dadurch werden wir „Mitgenossen der göttlichen Natur“. Diese Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich vollende, wenn wir hernach kämen. „Denn Christi Auferstehung und unsere muß man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt ist.“ Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen: die Menschheit ist in ihm verewigt.
„Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf und nieder“, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem Körper oben liegt.
Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie man Schlangen tut mit Musik.
Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die Welt vernichten müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; er habe deswegen eine Aktivität in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht, trotz beständigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. „Ich sage euch ein Geheimnis“, sagt Paulus, „wir werden nicht ganz entschlafen, sondern wir werden verwandelt werden.“ Dies Geheimnis eröffnet eine fabelhafte Aussicht.
Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, der inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues ausgießt aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. „Ich bin bei euch bis an das Ende der Tage.“ Insofern hatte Nietzsche recht mit der Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wären wir Epigonen. Die Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie Christus immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. Daß Christus wiederkommen werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf.
Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl möglich, daß Nietzsche darin nicht von Luther beeinflußt war, denn Ideen offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben seine schönen darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große Ähnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. „Dieser Finger, daran dieser Ring steckt, muß mein wieder werden“, sagt er da. Und die Erde werde nicht leer, wüste und einödig sein, sondern alles werde da sein, was dazu gehört, „Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder Luft nicht sein kann“. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde Gott Hündlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder Locken von Edelstein. Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner Auffassung offenbar im Menschen liegen. „Denn ein Herz, das voll Freuden ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; aber ein traurig Herz, dem ist alles traurig, was es siehet. Änderung des Herzens ist eine große Änderung.“ Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei und darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ in Gott allmächtig sein sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit bestehen. „Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde, so wirds von Stund an geschehen.“ Luther hatte viele Augenblicke im Leben, wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem schäbigen Purpur die Götterfarbe machten. „Änderung des Herzens ist eine große Änderung.“ In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung, und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch Erneuerung des Herzens tun.
Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch äußert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden über Cicero: „Cicero, ein weiser und fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl uns nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren und schließen, sondern sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: ‚Wer glaubet und getauft wird, der wird selig‘; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; da gebühret uns nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.“
Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther auch gern über die Zugehörigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, über die Einheit der ganzen Schöpfung phantasierte.
Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. „Der Herr unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird am Jüngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es war? Gibt es ewige Höllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war? Das sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um sich schließlich doch gläubig der allmächtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein bewundernswert feines Gefühl für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, was Gott mit den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das ist Überwindung des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so ist das wohl nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß dies der Finger Martin Luthers sei; sondern es bedeutet, daß alles, was erschienen ist, stets wieder erscheinen müsse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im Werdenden. Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, als wenn jemand sich einbildete, er wäre der wiedererschienene Martin Luther oder der wiedererschienene Christus. Für uns kann es keinen anderen Martin Luther geben als den historischen und keinen anderen Christus als den historischen; fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, daß die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verändernden Körpers, daß es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist.