Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, den Abschied hinauszuschieben, indem man vom Abschied plaudert.

Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurückwerfen kann, damit Gott seiner bewußt wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern muß sich vom Ganzen absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Außenwelt nicht nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und fühlt sie. Mit der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches das Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mürbe; die Haut wird runzlig, der Körper zerfällt. Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott, dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind wie Prinzen, die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man nicht erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine schützende Maske, bald diese, bald jene, und es kann vorkommen, daß sie in einem Kostüm heimisch werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen. Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen dürfen, um ihre königliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir das Herz zerreißt. Aber kommt das vielleicht daher, daß ich diese durchsichtigen Verkleidungen liebe, durch welche der Stern, der die göttliche Abkunft verrät, verhängnisvoll hindurchscheint? Schon erfaßt sein strenges Feuer das farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. Das Vollendete macht glücklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann ich dich nicht sehen vor Tränen.

[XXIV]

Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem Herzen trauen – was die allerwenigsten tun –, denken wollen, was wir glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht; da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Wie schön ist dieses „denn“! Wäre das Himmelreich nicht nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.

Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt, was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten. Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.

Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die „mehr als tartarische Verwirrung“ zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott sprächen wie der Schuster vom Leder.

Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus „rohen Bauern und einfältiger Jugend“ und Männern, die überwiegend mit Verstand begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: „Das weiß Gott, ich schreibe solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue kommen.“

Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten versteht und deswegen am meisten haßt?