Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen, Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen Fingern zu berühren.
Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die Melanchthon in seinen loci communes ausarbeitete: danach sollte über die göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen. Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin, losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und damit Gott aus der Welt schafften.
Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem Wort und Werk suchen. „Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich. Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel dafür, der will auch Gott sein.“
Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen: sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.
Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener, willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden könne.
„Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist, daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen nach dem Spruch Salomonis: Quis scrutator est Majestatis opprimetur a gloria. Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist er der Alten Erquickung des Lebens. – Wer nicht glaubt, der ist schon gericht.“
Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes, womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem. Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen, höchstens zu seinem Schaden; aber „der Geist erforschet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“, wie es in den Korintherbriefen heißt. „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.“
Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge, warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse, warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat, für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen, wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide, gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten, sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und dienlich sei; aber er wußte, daß die „verkehrte Art“ Wunder und Zeichen verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue; aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder in Staunen und Schrecken setzte. „Darum“, sagte er, „wenn wir der Gottheit gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.“ Immer wieder stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten.
Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann, in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei, so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu sprechen ist gefährlich.
Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte: „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. – Und warum keine? Aus Religion.“ Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch war auch seine Überzeugung: „Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“ Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort, in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun, und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.