Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. „Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!“ Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an das Licht des Tages auftauchen.
Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg bereitet.
Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein, weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher, sondern ein Geistmensch.
Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß „die wahren Göttersöhne“ unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den er vor allen liebte. „Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für ähnlich.“ So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin es will.
Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre Diener, Christus ihr Haupt.
Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:
Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.
Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit, Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren. Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst; ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist.
In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir, als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!