Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht; wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.

Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein, daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für dich glauben, an dich und für dich.

[IV]

Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest, indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf einen erschöpfenden.

Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich, der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken, daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.

Die Völker haben nicht damit angefangen, an einen Gott zu glauben; denn der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie, auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge, Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab, wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.

Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild, und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich persönliche Götter.

Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft, wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem einen Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt, daß aber nur ein Geist ist, der da wirket alles in allem.

Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der einen unendlichen Welt und des einen unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.