Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte: Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles, was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.
Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. „Das Gemüt ist dem Menschen sein Dämon“, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt, daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann. Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen, soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem; unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.
Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd und denkend äußert.
| Herz | Kopf |
| Gott | Mensch |
| Müssen | Wollen |
| Bilden oder wachsen lassen | Machen |
| Taten tun | Überlegt handeln |
| Ideen haben | Denken |
Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben; diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun lassen.
Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und keine Kraft.
Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue, so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch schaffen.
Wie befremdet zunächst das Wort: „Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt.“ Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser werden, der ist selig. Quo dii vocant eundum ist eine alte Devise, die ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.