„Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den Mammon, sondern auf Gott!“ Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen, die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet“, Matth. 15, das heißt: Nicht das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.
Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil hinausläuft?
Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach seiner Drohung bei Jeremias: „Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf Erden.“ Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame Hang die Menschen ergriff, das Perpetuum mobile zu erfinden. Die heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst verwachsen war.
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Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die eine Kraft, von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein. Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.
Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte. Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze, und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.
Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist; denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt, daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt, wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies Geheimnis nicht wäre.
Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben, worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen, obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.
Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte, um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar, Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott; denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.
Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein ist.