Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus Tigrié. Originalzeichnung von Eduard Zander.

Spuren vom ehemaligen Heidenthum lassen sich bei den abessinischen Christen immer noch erkennen. Rüppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in großer Anzahl an eine wasserreiche Quelle, welche unter einer schönen Baumgruppe hervorsprudelt, begaben, dort Hände und Füße wuschen und sich dann vor einem grobbehauenen, mit zwei eiförmigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwürfel einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rüppell hielt den Stein für einen Opferaltar, konnte jedoch über den Kultus nichts Näheres erfahren, obgleich seine Begleiter erklärten, es handle sich hier um einen Rest heidnischer Abgötterei.

Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen Waito führt und als heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten unterscheiden sie sich dadurch, daß sie keinerlei religiöse Ceremonie haben. Auch essen sie Wasservögel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Gräuel erscheint. Sie haben keine eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder durch Gesichtszüge, noch durch andere körperliche Eigenschaften von den übrigen Abessiniern unterscheiden.

Als heidnisch ist noch die Schlangenverehrung zu nennen, die Pearce in der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce berichtet, daß die Agows (im westlichen Abessinien) in ihren Hütten zahme Schlangen aufziehen, denen sie göttliche Verehrung zollen. Ein Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthümlichen Menschen und den echten Abessiniern keinen großen Unterschied, außer daß die Agows im ganzen vielleicht ein stärkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara, ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kräftig als die von Tigrié. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirié. Nach der Sage waren die Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern Tigrié’s, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht möglich, daß dieses Volk einen Theil der Urbevölkerung Abessiniens ausmacht.

Hier muß der Ausdruck Schangalla oder Schankela erwähnt werden, unter dem man sich fälschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die heidnischen, außerhalb Abessinien wohnenden Völker, namentlich die Neger und Negersklaven, angewandt wird.

Abessinien besitzt gegenwärtig zwei Hauptsprachen, die sich wieder in [pg 91]mehrere zum semitischen Stamme gehörige Dialekte trennen. Als ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die äthiopische oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christenthums geredet und in welchem alle Bücher abgefaßt wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf, der sich um die ältere Kunde Aethiopiens die größten Verdienste erwarb, im Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfaßt. Denkmäler der alten äthiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden; besonders aber in der alten Königsstadt Axum in Tigrié. Auf einem Schutthaufen daselbst entdeckte Rüppell drei gleichgroße Kalksteinplatten, jede über vier Fuß lang und mit ziemlich wohl erhaltenen äthiopischen Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte später diese Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich mit jener des Professors Rödiger in Halle überein. Wir geben, um die altäthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel wieder, welche von dem Kriegszuge des Königs La San nach Magasa handelt, von wo er mit großer Beute heimkehrte:

Die Uebersetzung lautet:

1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
2. Halen König von Axum und von Hamara
3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
5. Der Sohn des Ungläubigen bisher unbesiegt
6. bekämpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
7. verjagt, das uns ungünstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
9. schickten sie aber das Heer; ihr Anführer, der Tapfere
10. zog aus mit Gezelt und dem Anführer der Vornehmsten.