Das Geéz hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehängt werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts und jedes Wort wurde vom nächstfolgenden früher durch einen vertikalen Strich, jetzt durch zwei übereinanderstehende Punkte getrennt. Wie bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche die von Isenberg eingeführten, in die modernen Sprachen übersetzten Bibeln als Ketzerwerke erklärten. An die Stelle des ausgestorbenen Geéz traten zwei lebende Sprachen, das Amharische und Tigrische, von denen das erstere in den vom Takazzié südlich und westlich, das letztere in den von diesem Flusse östlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische, das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter- oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die größte Aehnlichkeit mit dem alten Geéz behalten hat. Das Tigrische ist reich an kräftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Guragué, einer südabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache erhoben, hat in der Sprache von Härrär, östlich vom Hawaschflusse, eine Tochter.
Während die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geéz mit sechserlei denselben angehängten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nämlich Schaat lautet in der Form [Äthiopisch: sha] scha. [Äthiopisch: shu] ist = schu u. s. w. Ebenso wird aus Tjawi in der Form [Äthiopisch: ca] (tja) durch Hinzufügung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts [Äthiopisch: cu] tju, [Äthiopisch: ci] ist tji, [Äthiopisch: caa] tjâ, [Äthiopisch: cee] tje u. s. w. Die andern fünf dem Amharischen eigenthümlichen Charaktere sind: Gnahas [Äthiopisch: nya] (gna; es ist also [Äthiopisch: nyu] gnu und [Äthiopisch: nyee] gne auszusprechen); Chaf [Äthiopisch: xwa], cha; Jai [Äthiopisch: zha], ja (französisch auszusprechen); Djent [Äthiopisch: ja], dja und Tschait [Äthiopisch: cha], tscha. Das Aethiopische und Amharische wird von der Linken zur Rechten gelesen. Wenn sakaja, anklagen, geschrieben wird [Äthiopisch: sa][Äthiopisch: xwa][Äthiopisch: ya], so bezeichnet also das dem großen P im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe ja und man wird sofort einsehen, daß [Äthiopisch: yu] wieder ju, [Äthiopisch: yaa] jâ ist.
Als untergeordnete Dialekte müssen noch erwähnt werden, das Baze-Tigré (nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der Samhara und weiter nördlich herrschende Sprache, das erwähnte Idiom der Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt (Hauaraza) sprechen, [pg 93]und die Sprache der Gallastämme im Süden von Habesch, über die weiter unten mehr gesagt wird.
Soviel über die Sprachen des Landes. Von einer Literatur, welche das ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben ein Privilegium der höher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit ist. In früheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine ungleich rührigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die meisten Bücher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Häufig sind kolorirte Vignetten in den Text angebracht, die in älterer Zeit weit schöner als jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbände, in welche man mit heißen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder läßt sie verschimmeln. Durch die Bemühungen der deutschen Missionäre, namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bücher in amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollständige Bibelübersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriß der Weltgeschichte. Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionären feindlich gesinnte abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleißes, ohne lebendige Anwendung zu finden.
St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach Harris.
Nach Krapf umfaßt die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter sind. Die sämmtlichen Bücher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die dritte enthält juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus u. s. w., die vierte endlich besteht aus Mönchsschriften und dem Leben der Heiligen. Die großen Sammlungen von äthiopischen und amharischen Schriften, welche die Gebrüder d’Abbadie nach Frankreich, Rüppell nach Frankfurt, Krapf nach Tübingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da finden wir „den Glauben der Väter“ (Haimanot Abau), eine Dogmensammlung der abessinischen Kirche, das Leben des [pg 94]Königs Lalibela (Gadela Lalibela), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie lebte, die Biographie Tekla Haimanot’s, eine Menge wichtiger Chroniken u. s. w.
Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemälde entwerfen, die oft auch die Pergamentmanuskripte schmücken, beschreibt Salt. Der Maler machte zunächst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und überzog denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier vergrößern in ihren Gemälden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen die Figuren en face; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt. Die Farben sind äußerst grell: Grün, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.
Wenden wir uns nun zur Betrachtung des Charakters der Abessinier, so treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im allgemeinen behauptet werden, daß derselbe nach unsern europäischen Begriffen ein keineswegs vorzüglicher ist. Während z. B. Munzinger und Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile von Bruce, Rüppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehörten vor allem der König Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzügliche, durch Liebenswürdigkeit, edlen Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persönlichkeiten hat es jedoch immer gegeben und sie beweisen, daß in dem befähigten Volke noch nicht alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der höchste Kirchenfürst des Landes, allerdings ein Ausländer, von dem selbst kein sehr erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: „Die Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniß verlangt, noch Liebe zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, daß Sie sein Bestes suchen. Was es will, ist, daß Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes. Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben mögen – können Sie immer noch glauben, daß die Abessinier seien wie andere Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniß verlangen?“ Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rüppell, ein sehr nüchterner Beobachter, faßt sein Urtheil folgendermaßen zusammen: „Die Hauptzüge des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz, Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit, Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, große Gewandtheit im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschämtheit im Fordern von Geschenken und eine des sprüchwörtlichen Gebrauches würdige Lügenhaftigkeit.“ Mildernd setzt er hinzu: „In der Regel ist ihnen übrigens ein leutseliges, ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflächliche Beurtheilung zu ihren Gunsten ausfällt.“ Dann weiter: „Zur Erregung eines bessern moralischen [pg 95]Gefühls trägt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muß durchaus dem beistimmen, was der Missionär S. Gobat als das Resultat eines beinahe einjährigen Aufenthalts in Gondar über den sittlichen Zustand dieser Stadt ausspricht, nämlich: „Alle Abessinier, wenn sie keine Regierungsgewalt zu fürchten haben, treiben das Räuberhandwerk. Ich kenne die Abessinier zu gut, als daß ich einen großen Werth auf ihre süßen Worte legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt, als sei jeder Rettungsversuch vergeblich.““ Rüppell führt eine Menge diese Aussprüche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende Illustrationen bilden; allen Ständen schreibt er gleich große Rohheit zu. Auch die Trägheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende bestellt nicht mehr Feld, als für den Bedarf seiner Familie nöthig ist, und an ein Aufspeichern von Vorräthen ist nicht zu denken. Jede Art von Handarbeit halten sie für etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, daß fast die ganze Industrie des Landes in den Händen der Muhamedaner und Juden ist. Betrug im Handel, Verfälschung der Waaren sind gang und gäbe.