Die Bedeutung des Rothen Meeres. – Der Dahlak-Archipel und die Perlenfischerei. – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. – Sklavenhandel. – Die Cisternen. – Der Markt. – Karawanenhandel mit Abessinien. – Die Bai von Adulis. – Schohos und Danakil. – Die Samhara. – Eine abessinische Karawane. – Der Tarantapaß und Halai.
Das Rothe Meer, lange Zeit für den großen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Länge von fast vierhundert Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb zwischen dem nordöstlichen Afrika und der westlichen Küste Arabiens. Regelmäßig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtäglich von Riesendampfern seiner ganzen [pg 159]Länge nach durchkreuzt; Telegraphendrähte sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist über diese Straße. Noch größere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen, wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von Alexandrien über Kairo nach Suez führenden Eisenbahn alljährlich viele Tausende von Vergnügungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen Seiten führen von seinen Küsten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden Länder, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika’s, ungemein produktenreich sind: Gummi und Straußenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig, nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplätzen feil gehalten und finden regelmäßigen Absatz gegen europäische Produkte.
Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat, ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich als eifersüchtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu machen suchen. Beide wissen, daß im Rothen Meere der Schlüssel zu Indien liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran zeigt, denselben mit in Händen zu haben, so ist es doch schon des Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den Engländern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein französisches Unternehmen, hat mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn wie die Engländer Aden und die Insel Perim am südöstlichen Ende des Rothen Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der Handelsstraße zu errichten. Und auch noch andere Küstenplätze sind nach und nach in die Hände der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus überwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen Elementen der Bevölkerung, um bei guter Gelegenheit sich überall in die Landesangelegenheiten mischen zu können. Europäische Konsularagenten haben in den meisten Hafenplätzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europäische Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschließung desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen Gestadeländern – mag es wollen oder nicht – immer mehr in unsere Beziehungen hineingezwungen.
Freilich ein Hinderniß hat die Natur selbst geschaffen, welches die Bedeutung dieses Meerarmes für den Verkehr bedeutend abschwächt. Das Rothe Meer ist für Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Häfen ist. Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt äußerst gefährlich, und auch die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine äußerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm voll[pg 160]ständig und in vier bis fünf Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.
Während die großen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben besuchen, sind für letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist von einer türkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von Suez, wo die Eisenbahn mündet, steuern wir zunächst nach Kosseïr, von wo eine Karawanenstraße nach Keneh am Nil führt, der in dieser Gegend einen weiten Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nähert. Von Kosseïr fahren wir in südöstlicher Richtung nach der arabischen Küste hinüber und landen in Jembo, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, nämlich Medina, für welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade fortsteuernd erreicht der Dampfer Dschidda, „die Ebene ohne Wasser“. Aber dieser Hafenplatz, das Seethor für Mekka, ist in vieler Beziehung wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und durchkreuzen abermals nach Südwesten hin das Rothe Meer, um Sauakin an der afrikanischen Küste zu erreichen, von wo aus die große Karawanenstraße nach dem östlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weißen und Blauen Nil führt.
Und nun geht nochmals der Anker in die Höhe, nach Süden ist der Bug des Dampfers gerichtet, die afrikanische Küste, das Land der nomadisirenden Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die Dahlak-Inseln kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Küste, gegenüber dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind Groß-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Großhandelsfahrzeuge legen dort nicht an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat. Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, daß einst die Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Köpfe. Alle sind Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser erhält seine Belehnung von dem ägyptischen Gouverneur in Massaua, welchem er jährlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserläufe giebt es auf den Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.
Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine Hauptbeschäftigung der Bewohner. Doch noch andere Schätze bietet die salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzüglich ihre Berühmtheit verdanken. Namentlich kommt die Perlenauster (Pintatina) in großer Menge, förmliche Bänke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis in den August eine große Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschäftigt. Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von der gegenüberliegenden arabischen Küste. [pg 161]Man bedient sich zum Fange der gewöhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und auch Mattensegel haben. Von den zwölf bis vierzehn Köpfen der Mannschaft sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!) stürzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel länger als eine Minute bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und diesen durch die Gefährten an einem Seil in die Barke ziehen läßt. Mehr als dreißig, höchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500 Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser beträgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob eigentliche, völlig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiß und genießbar; man trocknet es an der Sonne und zieht es auf Fäden, worauf es dann einen Theil des Jahres hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.
Alljährlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmäßig finden sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schätzt diese nach ihrer Größe, Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das Oeffnungen von verschiedener Größe hat. Je nach den verschiedenen Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo beträgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenständen der Dahlak-Inseln gehört ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrötenweibchen ist durchgehends schwerer und dicker als das der Männchen, und ein zwei Fuß langes Rückenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemünze gelten, werden auf den Dahlak-Inseln in großer Menge gefischt. Seltener aber ist ein höchst interessantes Meersäugethier, der Dugong (Halicore Dugong), das wegen seiner starken Haut und perlmutterglänzenden Zähne sehr geschätzt war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Küsten vor, an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie Meerjungfern mit erhobenem Oberkörper in der See. Sie sind über 12 Fuß lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walroß ähnlichen Stoßzähne wurden früher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkränzen verarbeitet, während die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von großer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen. Merkwürdig erscheint uns der Dugong noch [pg 162]dadurch, daß er dasjenige Thier ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht haben sollen.
Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich der Dampfer nach Westen, der abessinischen Küste zu, von der aus die kühnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasién uns entgegenstarren. Wir nähern uns der Insel Massaua, deren Bucht, von Vorgebirgen eingeschlossen, nun in Sicht kommt.