Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weißgetünchten Doppelthürme der Moschee, die türkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draußen auf der See eigenthümlich gestaltete Fischerflöße, die aus fünf zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der mit einer beiderseits schaufelförmigen Ruderstange geschickt und schnell seine Fähre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen und Bänken, fängt eine große Anzahl Fische und tödtet sie jedesmal sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt Massaua oder Mesaueh ist der Hauptort für das Aegypten untergeordnete abessinische Küstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfügung hat. Außerdem [pg 163]residiren hier ägyptische Zollbeamte und verschiedene europäische Konsuln, denn Massaua ist die Pforte des Handels für fast ganz Abessinien und von größter politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenüber dem letztgenannten Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzüglichen Hafen, der sich auch dadurch vor andern Häfen am Rothen Meere auszeichnet, daß man sich hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w. versehen kann.

Wasserträgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825 der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel bezogen haben soll, weil er glaubte, daß der Lebenswandel seiner Mitbürger allzu irreligiös sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen zahlreiche Gesellschaften nächtliche Ausflüge nach dem Grabe dieses Heiligen, wobei weniger religiöse Absichten die Pilger leiten sollen, als der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile Länge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hälfte trägt die Stadt, die östliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer [pg 164]Zeit und ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz unregelmäßige, wenig ältere Gebäude bestehen aus Stein, die meisten sind Strohhütten, die auf Pfählen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren zeichnen sich das Gouvernementsgebäude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.

Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiöser Gebäude; darunter jene bemerkenswerthe Moschee, die früher eine christliche Kirche gewesen war und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie „Matzua“, so nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so leitet ihn Munzinger aus der Tigriésprache ab, in welcher Mesaua den Raum bedeutet, über welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hören könne, und das trifft hier allerdings für die Meeresbreite zwischen Insel und Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heißt Stadt und Insel gar nicht Massaua, sondern Basé.

Die Bevölkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehören der äthiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die übrigen Bewohner, mit Ausnahme der türkischen Beamten und der Besatzung, sind Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und Lastträger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Außer etwas Weberei, Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Stärke der Bevölkerung schätzte Rüppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen, einschließlich des Militärs. Die Einkünfte der Provinz, meist aus den Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden Reisenden 40,000–50,000 Thaler.

Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schöner Menschenschlag und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die Mädchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmäßige Züge des ovalen Gesichts, große, lebhafte Augen und feinen Mund mit schönen Zähnen aus. Wenn sich zwei Bewohner nach längerer Zeit wieder begegnen, küssen sie sich gegenseitig die Hände und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten die Urtheile darüber sehr ungünstig. Dem bloßen Schacher ergeben, üben sie alle möglichen Verstellungskünste und erfüllen selbst die heiligsten Versprechungen nicht. Dazu kommt, daß der fortwährende Sklavenhandel ihre moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung verstockt machen mußte. Diebereien und Einbruch sind gewöhnliche Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist groß und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben. Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als Rüppell einst einen Mann von einer gefährlichen Schußwunde geheilt hatte, drückte dieser seine Freude darüber folgendermaßen aus: „Gott ist groß und wunderbar! Hat er doch diesen Hund von Ungläubigen hierhergeschickt, um mich zu heilen!“

Eine Eigenthümlichkeit der Massauaner besteht darin, daß sie Familiennamen haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So heißen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi (aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen die Banianen eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen großen Theil des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Händen und bewohnen in Massaua ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Männer nur halb bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und prächtigen schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der Baniane trägt auf der Straße einen rothen, mit Gold oder gelber Seide verbrämten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen kein Fleisch und mögen solches nicht einmal anrühren. Beklagten sie sich doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darüber, daß die Hunde der katholischen Mission einmal in der Nähe ihrer, der Banianen, Cisterne Knochen abgenagt hätten! Dadurch könne das Wasser verunreinigt werden. Die Zahl der Europäer ist in Massaua nie beträchtlich gewesen und besteht nur aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionären. Unter den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene Raffaele Barroni den Türken besonders verhaßt, weil er den Muth hatte, eine unablässige Fehde gegen die Sklavenhändler zu führen. Um recht mit Nachdruck auftreten zu können, hatte er sich sogar eine eigene Polizei eingerichtet. Er wußte allemal, wieviel Sklaven eine im Küstenland aus Abessinien ankommende Kaflé (Karawane) mit sich führe, zog ihr an der Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nöthig, mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die Freiheit. Die Kaufleute haßten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Büchsen die Umgegend bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende Lejean folgende Aufzeichnung: „Ich habe Sklaven befreit, nachdem der Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurückgehalten. Im Jahre 1856: 240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und schickte sie nach Abessinien zurück. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2 von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft“ u. s. w. Eine andere Notiz lautet: „Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhändler sind hocherfreut, daß Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere.“ Wie die Engländer es übrigens mit der Unterdrückung des Sklavenhandels nicht immer ernst nehmen, dafür bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, daß man es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter türkischer Flagge nicht zu ernsthaft nehmen dürfe [pg 166]„damit diese befreundete Flagge im Rothen Meere in ihrem Ansehen nicht geschwächt werde“.

Was Lejean sonst noch über einzelne Einwohner Massaua’s berichtet, ist zu charakteristisch für die dortigen Zustände, als daß wir es nicht hierher setzen sollten. Die türkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner, welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mönch machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum Zweikampf auf Säbel; dann erklärte er, er werde den Gouverneur aus dem Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in Florenz Zeitungsredakteur.