Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser Würdenträger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, daß er alles Land bis zu den Mondgebirgen erobert habe, während doch wenige Stunden landeinwärts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der Insel brachten, sodaß in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die Europäer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben führten Klage, infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine Absetzung gleichmüthig auf, schloß sich in seinen Harem ein und erhing sich an einer Säbelschnur.

Was das Klima Massaua’s anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der andern Hafenplätze am Rothen Meere. Das Sprüchwort sagt, es sei eine Hölle, wie Pondichery ein heißes Bad und Aden ein Backofen. Am empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst bemerkbar. Die Cisternen auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist wahrscheinlich, daß einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkündigte, der persische König Chosroes diese Küstengegend des Rothen Meeres beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht muselmännisch oder abessinisch ist, als „Farsi“, und so auch die Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewölbten Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstücken besteht. Die inneren Wände der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von rosenrother Farbe.

Die ägyptische Regierung thut nichts, um diese so höchst nothwendigen und nützlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfällt wird nicht ausgebessert. Die Türken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei. Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltäglich geht dagegen ein Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark gethrante Schläuche gefüllt, dann mittels Lastthieren oder Trägern zum Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwähnte Arkiko, das früher Dogen hieß, scheint wenigstens [pg 167]so alt wie Massaua zu sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gärten umgeben und dient als Militärstation.

Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle dort wohnenden Nationalitäten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei günstigen politischen Verhältnissen im Innern gewöhnlich zweimal im Jahre große Karawanen (Kaflé) aus den Gallaländern und ganz Abessinien nach der Küste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit höher angegeben. Eine solche Karawane sammelt sich bei günstiger Jahreszeit und bewegt sich, von bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, über Adoa dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kaflé und transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvölker, die viele Kameele zu diesem Zwecke halten, die Weiterbeförderung übernehmen und die Waaren bis zum Meere bringen. Der größte Theil der Verkaufsgeschäfte ist schon vor Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhändler abgeschlossen; die Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den Gallaländern, Elfenbein von den Galla- und Kolaländern, Nashorn, Moschus, Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter, Schlachtvieh, Häute, Maulthiere, Tabak, Straußenfedern und Sklaven. Der Schiffahrtsverkehr mit den Häfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: „Unter den von Massaua ausgeführten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser Handel bedeutend nachgelassen hat und die jährliche Ausfuhr in den letzten Jahren wol kaum auf 1000 Köpfe kommen möchte. Es war deshalb auch zu der Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europäer eingenommen, da man wohl weiß, einen wie schädlichen Einfluß dieselben auf diesen ergiebigen Handel haben.“ Nach Rüppell führte man 1838 etwa 2000 Sklaven beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60 Speziesthalern. Markt wird täglich in der Stadt abgehalten. Außer den gewöhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedürfnisse, Fleisch, Brot, Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten Bedürfnisse machen die Erwerbsquelle für die armen Landleute aus. Mit dem thönernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wasserträgerinnen heran; schon am frühen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch gefüllte Körbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geräuchert wird, was, um das Gerinnen zu verhüten, unumgänglich nöthig sein soll. Andere Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrüchte (Rhamnus Nabac) und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergärten stammen, sowie frische Hennablätter (Lawsonia inermis), welche den Schönen der Stadt zum Rothfärben der Nägel und Handfläche unentbehrlich sind. Fischerknaben bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frühling verkauft man die Blütenstengel einer spargelähnlich schmeckenden Aloëart. Fast die ganze männliche Bevölkerung Massaua’s [pg 168]treibt sich den Tag über faullenzend unter den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch und der halbnackte Hirt einherzieht.

Massaua, sowie Sauakin, gehörten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt wurde 1557 durch eine türkische Flotte erobert und mit einer bosnischen Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehörte sie zu Aegypten, kam jedoch 1850 wieder unter türkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der ganzen Westküste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.


Wendet man sich von Massaua gerade nach Süden, nach dem bis zu 5000 Fuß ansteigenden Gedemgebirge, so übersieht man von diesem den ganzen Meerbusen von Annesley oder die Bai von Adulis (jetzt bei den Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Während im Westen das Vorgebirge Gedem die Bai abschließt, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden, trägt eine üppige Vegetation von Schorabäumen, zwischen deren Wurzelgewirr Heuglin hier einen seltsamen Fisch (Periophthalmus Koehlreuteri) entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen und sogar im Grase lebte und verfolgt in großen Sprüngen sich ins Wasser rettete. Die Bucht hat eine Länge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen, ist tief genug, um selbst die größten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu können. Den Schluß der Bai bildet die den Franzosen gehörige Insel Dessi, welche ohne große Kosten leicht befestigt werden könnte, doch haben die Franzosen es bei der einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes Wasser und Weide für etwa 600 Stück Rindvieh, die drei Rheden gewähren guten Schutz und können in vortreffliche Häfen umgeschaffen werden. Im Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrié’s und von den Franzosen als „Empereur“ anerkannt war, gab er die Insel dem französischen Agenten Russel und bot ihm außerdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Küstenland für sich in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Rücksicht genommen, und der französische Konsul schloß auf der Halbinsel Buri mit den Häuptlingen der Hasorta, welchen Dessi gehörte, einen Vertrag. Die Schums (Häuptlinge) erklärten, daß sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone unterthan gewesen seien. So ward Dessi französisch und bestimmt, der von den Engländern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu machen.

Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berühmten Stadt Adulis, Adule, Zula oder Asule. Sie wurde unter Ptolemäus Euergetes gegründet und war zur Zeit der Ptolemäer ein blühendes Emporium, dessen Bewohner lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Blütezeit erlebte Adulis unter den Königen von Axum, für deren Staat es Hafenplatz bildete.

Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert Kretschmer.