Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das Monumentum adulitanum, dessen Inschriften über die alte Geographie jener Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende Ruinen noch übrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in der Mitte die Trümmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Säulenreste und Kapitäle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk überwachsen – das ist, [pg 170]was von Adulis übrig blieb. Keine Inschrift, kein Relief ist mehr zu sehen, aber die Begräbnißplätze der Muhamedaner haben sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der Mangel größerer Gebäude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß Adulis einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle großen Gebäude fehlen.
Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Küstenlandes zu werfen. Diejenigen der Samhara, des schönen Thales von Modat, in welchem die heißen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend Beduan. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die Tigrésprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter waren sie noch Christen, wie es ihre nächsten Nachbarn im Nordwesten, die Mensa und Bogos, noch heute – wenigstens dem Namen nach – sind. Sie sind alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh, Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr überein mit dem arabischen oder persischen Fettschwanzschafe und zeichnen sich durch einen schwarzen Kopf aus.
In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze Abessiniens wohnen Hirtenvölker, die Heuglin unter dem Namen Schoho zusammenfaßt und zu denen er auch die Hasorta oder Saorto rechnet. Sie reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthümliche Gesichtsbildung, sind blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen Religion, kümmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre Lebensweise ist einfach, ja dürftig, ihr Charakter leidenschaftlich. Rüppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthümlichkeiten auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Männer hatten ihre grauen Bärte ziegelroth gefärbt; andere rochen bis in weite Ferne nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle mögliche Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rüppell mehrere Schafe und Milch aufzudrängen; glücklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefährten gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafür zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich dargebotenen Schale Milch, wofür er einen halben Maria-Theresia-Thaler zahlen mußte!
Die Begrüßungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen Negern (z. B. bei den Bari am Weißen Nil, bei den Leuten im Mondlande u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nämlich die linke Fußsohle an das rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhöhle der rechten Schulter auf einen Stab stützen, den Körper auf die rechte Seite und stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben Gegenstand anstarrend.
Folgt man in südöstlicher Richtung der Küste des Rothen Meeres, so trifft man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden Danakil (in der Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heißen. Sie sind in den Küstenplätzen am Rothen Meere ansässige Fischer und Schiffer, die auch mit der gegenüberliegenden arabischen Küste Handel treiben. Obgleich sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel auslaufen und gewöhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von je muthig weit in die See hinaus und waren früher auch zuweilen kühne Seeräuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind sie noch kräftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerändertes Umhängetuch und verhüllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist, daß sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus Antilopenfell und einem zweischneidigen Säbelmesser, das aus indischem Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden übrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed’s kennen lernte, als feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul und mißtrauisch im höchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heißen sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granjé ganz Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhältnißmäßig kleines Terrain zurückgedrängt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis Gubbet-Harab im Süden (11° 30′ nördl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwüstenland, das sich längs deren Fuß von Norden nach Süden erstreckt und mit der Samhara oder Samher theilweise zusammenfällt.
Diese Samhara, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher östlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere verläuft, ist ein höchst interessantes Wüstenland. Dem Gesetze zufolge, daß die Wüste überall da, wo es regnet, Wüste zu sein aufhört und Steppe zu werden anfängt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet – allein dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben könnte, daß das Wasser seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausführen könne, an diesen Küsten nämlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die höchstens als Mittelglied zwischen Steppe und Wüste angesehen werden kann. Auf große Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wüste, nur in wenigen Thälern ähnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich waltet, beweist sie, daß sie innerhalb des Regengürtels liegt. Aber nicht die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst, obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Hügeln unterbrochen wird.
Sie gleicht gewissermaßen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld am Fuße eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hügel, zum guten Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmäleren oder breiteren Thälern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines Netzes vergleichbar, zwischen den Hügeln und Bergen verlaufen. So niedrig diese Hügel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es Zeit, das Erdreich zu tränken und ihm die Feuchtigkeit zu gewähren, welche zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so wasserbedürftigen Pflanzen unerläßlich ist. Hier nun macht sich auch gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die Mimosen, so zu sagen, mühsam empor; an den schroffen Wänden finden sie kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und können sich deshalb nur zu dürftigen Gesträuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die zeitweilig von Regenbächen durchströmt sind, findet man dunkelgrüne Euphorbienbüsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken, Christusdorn, Balsamsträuche, Asklepiasbüsche, Capparis, Stapelien, Ricinus gesellen, während der Cissus überall an den Sträuchern umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhält man einen Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht der Tropen mit den Schönheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkästlein ganz Afrika’s eröffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.
Massaua ist für die weißen Europäer die natürliche Eingangspforte nach Abessinien. Gewöhnlich schließen sie sich einer heimkehrenden Kaflé an, die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den gesetzlosen Zuständen des Landes, den fast stets stattfindenden Bürgerkriegen, der Plünderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien außerordentlich gefährlich, und nur die Karawanen gewähren einige Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.
Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugänglichen Wegen vorzüglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel Zeit in Anspruch, da selbige in gleich große und wo möglich gleich schwere Ballen zusammengeschnürt werden müssen. Eine große Anzahl Diener und Treiber ist deshalb nöthig, um das Gras für die Thiere, Holz und Wasser für die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepäck jedesmal durch gehöriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schützen und des Nachts gegen die Räuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher Rüppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und über 200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen können.