„Gut; kehrt heim.“

Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: „Meine Lieben! Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab, Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!“

Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind ganz brave Menschen geworden.

Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird dann eben bis zu dem Marktflecken Eifag an der Kirche Bada oder Bata (d. h. Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor Alters eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus vielen zerstreuten Dörfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein prächtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem aus der Handel zwischen dem Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis Massaua vermittelt wird, die Händler [pg 185]von weit und breit mit Vieh, Tabak, Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig, Häuten, Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein und Bier.

In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich, bewaldet, mit Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach dreistündigem Marsche langen wir am Flusse Reb an, den wir auf einer immer mehr zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald von der wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit große Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie vortreffliche Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie fürchten, daß gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten. Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne Methonica superba, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird. Sie gehört zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im dunklen Laubgrün.

Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am Morgen brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner, steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra Tabor hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen. Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern, zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während Dufton eine Landschaft Yorkshire’s vor sich zu sehen glaubte, und unwillkürlich rief ich aus: „Hier ist gut Hütten bauen!“ Rechts von uns blieb der Hügel von Debra Tabor mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem königlichen Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine errichtet, die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen haben. Gondar, „die Stadt der Pfaffen und Schauspieler“, wie der König sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von Gafat, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise. Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie, Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu [pg 186]befinden, und verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, aber Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: „Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder sind noch zu jung, um die weite Reise überstehen zu können; bleib noch ein paar Jahre hier.“ Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzüglich die Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus dieser und der französischen zurecht gemacht, das nur ihnen verständlich ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter General außer Dienst von noblem Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle, Bender, Mayer, Salmüller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen heirathen müssen; Bender eine Tochter Schimper’s. Am zurückhaltendsten war der junge, hübsche Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des Irländers Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede sein).

Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich Waldmeier auf mich zukam und ausrief: „Dort kommt Se. Majestät!“ Ich ging mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere, welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern bedeckt hatte, und Niemand anders als König Theodor II.

Gut gelaunt redete er mich mit „Na deratscho (Wie geht es dir?)“ an. Die Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und kehrte dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück. Unterdessen waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er ließ drei Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann, was ich wolle. Ich antwortete: „Ich wünsche, dringender Angelegenheiten wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän abholen, welche bereits angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich abreisen, damit ich vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann.“

Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch [pg 187]den unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die Aegypter damals gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er infolge des Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: „Ich behalte ihn auf jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen will, so tödtet ihn!“

Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.