„Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?“

„Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig funkelndes Ding unter dem Arme trägt – es war mein goldbesetzter Konsulatshut –, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle tödten kann.“

„Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr.“

Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf einen Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte anfangs, doch ging ich auf Kinzle’s Zureden, der meinte, es sei besser in Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.

In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit denselben nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden sie von ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich konnte meine Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren aufdringliche Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem genannten Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden. Alle vier Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara (der Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von England an; „allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen. Eins dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild und unlenkbar, daß man es einsperren mußte.“

Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu können, so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der Hauptstadt [pg 188]Gondar meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach Tschelga, rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich in den Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf mehrere Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde.

An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert, fallen die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich plötzlich dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen klare Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste Quartier der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von der politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich von beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu geschenkten Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan, Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schließt sich der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen, unregelmäßigen Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten Gärten und Kiosken umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr zerfallende Gemp oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch seine massive Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten Höfe. Die Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thürme mit großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst gepflasterten, jetzt halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig, zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein höherer viereckiger steht in der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. [pg 190]An das Hauptgebäude lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Säle, Kapellen, Brücken und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit Schlingpflanzen überwuchert.

Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von Eduard Zander.

Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000–7000 nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor vernachlässigt sie „als Pfaffenstadt“ gänzlich, ja er hat einmal zur Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und das Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44 Kirchen, darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der darin angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste Mensch ein Priester.