Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe Monkullo (Umkullu, M’Kullu) zurück, das man als eine Art Vorstadt von Massaua bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Hütten und die meisten Geschäftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben, von denen sie täglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem süßen Wasser, das bis Massaua geführt wird. Monkullo wird von mehreren Hügeln überragt, von deren Hochfläche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewässer abheben; der längere, zur Hälfte gelb, zur anderen grün, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe rührt von Korallen, die grüne von einem dichten Gebüsch her, dessen immergrüne, fettglänzende Blätter denen des Kirschlorbers ähnlich sind; diese Pflanze, der Schorawurzelträger (Avicennia tomentosa), heißt zu Massaua Sackerib und wächst nur an solchen Stellen, welche täglich bei der Flut vom Meereswasser bespült werden. Aus der Ferne gesehen, gewähren die Wurzelträger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grün thut dem Auge wohl; sie strecken ihre ziemlich dünnen Aeste in das Meer, und das Ganze lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphäre ist hier feucht, man kann wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, daß es gewissermaßen als eine Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr heraustritt und wieder von den glühenden Strahlen der äthiopischen Sonne beschienen wird.
Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden Küstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara, welche sie durchritten, sehr öde und arm; die sandigen, aus grobkörnigem Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wüste. Das thierische Leben der Samhara wird zuerst bei den Regenströmen bemerklich, die nach kurzem Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Großartig wird die Natur erst da, wo das Labathal mit frisch sprudelndem Flüßchen aus dem Gebirge hervortritt. Im hellsten Grün prangten die Gehänge des Thals bis hoch zu den Bergen hinauf; alle Bäume standen im Blätterschmuck, viele von ihnen waren gerade mit den köstlichsten Blüten bedeckt und leuchteten von den Felswänden herunter. Gesicht, Gehör, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit. Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfüllte das Thal und wie ein Gruß tönte der Flötenruf des äthiopischen Würgers den Fremdlingen ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vögel aller Art von den kleinsten Honigsaugern (Nectarinia) bis zum riesigen [pg 210]Ohrengeier. Auch sah man Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhänge hinauf und muntere Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.
Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter unsagbaren Mühen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche wiederum von riesigen Alpen umgeben die Hüttengruppen des Hirtenvolkes der Mensa trägt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkörnigen Granit, welcher jedoch nur an den höchsten Spitzen durchbricht, und aus Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thälern finden sich steile Wände, welche jedoch fast überall zugänglich sind und es noch viel leichter sein würden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind grün bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plätzchen sich findet, da hat die Pflanzenwelt sicher Fuß gefaßt. Doch bestimmt die Armuth an Dammerde das Gepräge der Vegetation. Große gewaltige Bäume giebt es nur im Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewächse der Kollaregion: schirmförmige Mimosen, prächtige Tamarinden, Kigelien mit ihren großen Früchten, Adansonien, Akazien, Oelbäume, die Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.
Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der herzoglichen Expedition berührt wurden, zu einer Höhe von 8000 bis 9000 Fuß erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuß über der Meeresfläche liegen und wird durch einen niedrigen Hügelrücken in zwei Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Büschen bewachsene, sandige Fläche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt besseren Boden und wird bebaut.
Das Dorf Mensa bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa 100 Hütten, die sich an die beiden Ränder der Hochebene anlehnen. Dicht hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehänge noch kühn empor und tritt zwischen riesigen Granitblöcken ein klarer Quell hervor, und ringsum entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausflügen gut gewählt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein großer Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden ließen sich jedoch dadurch nicht abhalten, tüchtig der ergiebigen Jagd nachzuspüren und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.
Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa. Die Hütten bestehen aus Stangen oder Zweigen, über die man einfach Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strömenden Regen gedichtet wird. Eine kleine niedrige Thür führt in das Innere des hohlen Reiserhaufens. Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stäbe, welche auf Querhölzern ruhen und von gegabelten Pfählen getragen werden, bilden den Schlafplatz. Diese Bettstätte ist außerdem mit einem laubenähnlichen Bau überdacht, der immer noch den Regen durchläßt. Außer einigen irdenen Töpfen, dem [pg 211]unentbehrlichen Reibstein, auf dem das Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt, und einigen Schläuchen sieht man keine Geräthschaften im Innern. Eine Dornumzäunung schließt die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Männern leidenschaftlich aus großen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehälter durch einen Kürbiß gebildet wird.
Die Mensa sind schöne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigré. Das Haar ist eigenthümlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel versehen, welche die Ruhe unter den lästigen Insassen herzustellen hat. Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmäntel machen die Kleidung der Männer aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schürze bildet die einzige Bekleidung der unverheiratheten Mädchen, welche am Tage der Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des Volkes hängt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres Lebens aus. Der Mensa hält sich um so verständiger, je besser er mit dem Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glücklicher, je zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten, welche in einer der beschriebenen erbärmlichen Hütten leben, nennen 5000 bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um überall die Weide gut ausnutzen zu können, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Höhe ihres Gebirges zur Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengüsse ein frisches Grün hervorgezaubert haben. Die Milch der Kühe ist ihr vornehmstes Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse geschlachtet, dessen halbgeröstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als geistiges Getränk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr verschieden von diesen.
Das Christenthum der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern, den Bogos, weiter unten schildern. Das häusliche und eheliche Leben unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang sammeln sich die Mädchen auf den öffentlichen Plätzen und beginnen zu tanzen, wobei die Zuschauer laut brüllen. Dieses Vergnügen währt bis tief in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu fürchten sind. An Festtagen hört man noch eine andere Musik, dann geben die Flötenbläser ihre Künste zum besten. Die abessinischen Flöten sind hohle Röhren mit verschiedenen kleinen Schallöchern, welche nach Art der Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Künstler verstehen auch eine Art Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine Handtrommel mit Schellen unterstützt gewöhnlich dieses Konzert aufs wirksamste.
Eigenthümlich sind die Grabhügel der Mensa. In weitem Kreise um das Grab herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen Raum füllt man alsdann mit großen und kleinen Steinen aus. [pg 212]Die Steine schichtet man in einem Haufen hoch auf und überlegt sie endlich mit blendenden Quarzstücken, welche weit und breit zusammengetragen werden. Die tropische Erzeugungsfähigkeit sorgt bald für grüne Umrankung und Umlaubung, und dann heben sich diese Gräber um so heller von dem dunklen Hintergrunde ab.
Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach Keren im Bogoslande an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nächsten Tage bereits in eine sehr veränderte Gegend. Die reiche Vegetation des Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergrücken waren kahl und nur an den Abhängen zeigten sich Mimosen und verkrüppelte Oelbäume. In den tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. „In keiner Weise konnten wir,“ erzählt Herzog Ernst, „auf der ganzen Reise zwischen diesen Völkerschaften auch nur über die geringste Unbill klagen, und ich muß lobend erwähnen, daß uns überall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnet wurde.“ Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an das malerische Ufer des Anseba (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb Fuß Wasser und floß silberhell und reißend dahin. In unendlichen Windungen sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasién entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im Jahre austretenden Gewässern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist, zeigt auch der Boden die ganze Fülle der Tropenvegetation; wunderbar geformte Bäume, dicht mit Lianen überzogen, wechseln malerisch mit haushohem Schilf. Tausende von Vögeln aller Art bevölkern diesen schmalen Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt, welcher später seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehört.