Inneres einer Mensahütte. Originalzeichnung von Robert Kretschmer.

Reisen in den nördlichen und nordwestlichen Grenzländern Abessiniens.

Das Land der Mensa und Bogos. – Reise des Herzogs Ernst. – Monkullo. – Labathal. – Plateau von Mensa. – Das Volk der Mensa. – Ausflug nach Keren. – Elephantenjagd. – Rückkehr. – Munzinger über die Bogos. – Geschichtliches. – Ein aristokratisches Volk. – Rechtsverhältnisse. – Aberglauben. – Das Christenthum der Bogos. – Der Marebfluß. – Die demokratischen Bazen und Barea.

1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.

Da, wo die Terrassen des nördlichsten Distrikts von Abessinien, der Provinz Hamasién, die natürliche geographische und politische Grenze des Landes ausmachen, hören die vulkanischen Wackengebilde, die rothen Eisenthone und [pg 208]ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite, Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge, das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche während der heißen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser Gebirgsbäche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gänzlich unbekannt – jetzt gehört es zu einem derjenigen Theile Afrika’s, dessen Kenntniß am meisten gefördert ist. Die Völkerschaften, die dort wohnen, die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen. Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr dem Tigré Platz macht. (Vergl. [S. 92].)

Vor Allem aber hat die Natur dies „Alpenland unter den Tropen“ mit dem herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach gegliederten Hochebenen und kühnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt sich dort eine höchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das Thierreich ist so überaus wohl vertreten, daß Bogos sammt Mensa dem Waidmann als ein Paradies erscheinen müssen.

Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin über diese gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an und für sich erwecken mußten, endlich die vergleichsweise leichte Zugänglichkeit, die nahe Lage an der Küste – man kann von Triest aus, wenn Alles ineinander greift, jetzt in ungefähr vierzehn Tagen nach Mensa gelangen – machten auch in einem deutschen Souverän den Wunsch rege, jene Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands Hochbergen hatte Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha schon den Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fuße der Alpengletscher erlegt und nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Löwen, Leoparden, Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu pürschen. Doch die Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und so versah sich der Herzog mit einem Stabe tüchtiger Männer, die vollkommen geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung aufzubewahren.

Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem Fürsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer – dem wir einen Theil der prächtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem Werke verdanken – dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstäcker und einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verließ die Expedition selbst Triest. Nach sechstägiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo besucht und den Nil stromaufwärts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft, endlich mit einem Extrazug [pg 209]durch die Wüste nach Suez gefahren, wo die hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. März einschifften. Fünf Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer bei Massaua Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der herzoglichen Expedition während ihres Aufenthalts an der entlegenen Küste Schutz angedeihen zu lassen.