Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.

Begrenzung. – Englische Gesandtschaft unter Harris. – Tadschurra. – Zug durch die Adalwüste. – Salzsee. – Mord im Thale Gungunté. – Versammlung der Eingeborenen. – Sklavenkarawane. – Myrrhen. – Der Hawasch. – Der Grenzdistrikt. – Alio Amba, ein Marktort. – Empfang beim Könige Sahela Selassié. – Die Hauptstadt Ankober. – Debra Berhan, die Sommerresidenz. – Sklavendepot. – Truppenrevue. – Angollala. – Schlucht der Tschatscha. – Medoko, der Rebell. – Das Gallavolk. – Kriegszug gegen dasselbe. – Siegesfest. – Abschluß des Handelsvertrags. – Rückkehr.

Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande, welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne versteht man darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nämlich die Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche. Die östliche, im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfaßt dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba im Osten und Efra im Norden. [pg 225]Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima und eine vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt die Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine Million Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden, das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem übereinstimmt, was wir im allgemeinen über Abessinien bemerkten.

In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte Sahela Selassié als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich in ihm der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän W. Cornwallis Harris stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth, als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer, zwei Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fünfzehn freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für König Sahela Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay, besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von Tadschurra Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen, wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich dann zum Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine leiblichen und mit Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen. Sein braunes, durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die Erlaubniß erlangt, nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die gegenüber den Kanonen der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.

Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken, nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische Muhamedaner, meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Südabessinien statt, wohin jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen, Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht; allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemünze Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden können. Außerdem nimmt man im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knöpfe und Perlen als Scheidegeld an.

Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den Reisenden entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von Dullul, wo die Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, große Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten, beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer gekauft, und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt, setzte sich der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren, dessen Bewohner Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten Menschen nennt, welche die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenführer fungirte Isaak, ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs längs dem Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge, welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gähnende Paß der Isa war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht durch die plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die [pg 227]Cyklopen thätig waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton außer den Zurufen der Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten, glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes – geisterhaft bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemüthern, und erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten, wich die Pein von den bangen Gemüthern.

Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und Spalten die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst sich äußerten. Dann kam man zum Assalsee, dessen Ufer eine tänzelnde Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hälfte mit einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe, brennendheiße Berge dieses Seebecken, während auf der vierten Lavatrümmer und tiefe Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die Erscheinung dieser Wildniß von Land und stagnirendem Wasser, über dem ein dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemüth niederzudrücken. Nicht ein Laut tönte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserfläche, nur die brennendheiße Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort und sandte glühende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder, über dem kein kühlendes Lüftchen wehte.

In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken, während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des Assalsees unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein Obdach ist zu entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei Labung von dem warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt vorwärts ermüdet Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden dauert die Reise durch das Seebecken – sie müssen zurückgelegt werden, wenn nicht der Tod über den Wanderer kommen soll.

In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien gebracht.

Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man [pg 228]einen aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen Schatten spendeten. Hier am Flüßchen Gungunté endigte der erste Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend am Assal-Salzsee nur als „Feuer“.