Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom, während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die geschwollenen Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste erwartete. Wild und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu, und gleich Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit über das Meer hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte die Vorstellung stattfinden.
Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen, Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis zum Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät Sahela Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich Zeremonienmeister) stand mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem Könige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich der Majestät nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre Verbeugungen vor dem Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten Stühlen nieder.
Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar etwas ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen, angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm selbst unter den Danakil den Beinamen der „feinen Goldwage“ eingebracht hatte.
Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt, sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten Blicken der Höflinge ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich, der die ganze Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den Alkoven gereicht. Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender chinesischer Figuren, und als dann die europäische Eskorte in voller Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte, sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen „God save the Queen“ spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden zu können, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten überreicht wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: „Euch wird Gott belohnen – ich kann es nicht.“
Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.
Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch die Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von dem Wunsche, daß „des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten“, war der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein, daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und hob an folgendermaßen zu reden: „Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen – sein Andenken ruhe in Frieden – in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten. Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der erhabenen Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und daß noch mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen würden. Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung gegangen. Meine alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind niemals solche Mirakel in das Land gebracht worden.“
Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das große Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften versehen, auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese Schätze ein Geschenk rother Männer seien, die man „Gyptzis“ nannte und die „von ferne“ gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage, um nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil der Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600 requirirten Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse, durchweichte Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute, schrieen [pg 242]sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen überliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und abgeledert; die Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische, das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und in einer Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen fanden.
Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. „Meine Kinder“, sagte Seine Majestät, „alle meine Flintenträger sollen euch begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das ist schlecht.“
Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet, durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen, voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere, cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große Festlichkeiten unterhalten.
Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen Hügel erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa’s. Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels hin. Diese Wohnungen beherbergten nach Harris’ Schätzung 12,000–15,000 Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für die Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume, Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche „Unsrer lieben Frau“ hervorleuchtete.